Info

Title Peter Handke: STORM STILL. Eine Tragödie in fünf Akten (Textfassung 1)
Peter Handke: Immer noch Sturm - Testedition Seite 1
Identifier Österreich
Salzburg
Universität Salzburg
Literaturarchiv Salzburg
Bestand: Handke, Peter; LAS
Description

  • bibl:
  • STORM STILL
    (Fortdauernder Sturm)
    (Anhaltender Sturm)
    (Weiter im Sturm)
    (Weiterhin Sturm)
    (Immer noch Sturm)
    Eine Tragödie
    in fünf Akten
  • Immer noch Sturm Peter Handke Suhrkamp Berlin 2010 103440685X

Extent
responsible

Transcription by  Vanessa Hannesschläger

License

The Creative Commons Attribution 4.0 International license (CC BY 4.0) applies to this document.

Transcription

[Bl. 1]

I

1

Eine Heide, eine Steppe, eine Heidesteppe, oder wo.
Jetzt, im Mittelalter, oder wann. Was ist da zu sehen?
Nichts, oder Eine Sitzbank, eine eher zeitlose, oder was, im Mittel=
grund, oder wo, und daneben oder dahinter oder sonstwo
ein Apfelbaum, behängt mit etwa neunundneunzig Äpfeln,
Frühäpfeln, fast weißen, oder Spätäpfeln, dunkelroten.
Sanft abschüssig erscheint diese Heide, oder was sie ist,
heimelig. Wem zeigt sie sich? Wem erscheint sie so? Mir
hier, oder sonstwem, im Augenblick. Ich, oder wer, habe
sie vorzeiten so gesehen, und sehe sie jetzt wieder, samt der
Sitzbank, auf der ich einst mit meiner Mutter gesessen
bin, an einem warmen stillen Sommer- oder Herbstnachmittag, glaube
ich, weit weg vom Dorf irgendwo, und zugleich doch in der
Heimatgegend, oder wo. Ungewohnt weit war und ist
jener Heimathorizont. Das Apfelbäumchen freilich ist
mir, zusammen mit den nachleuchtenden Äpfeln, solcherart in einer ganz
anderen Zeit begegnet, in einer Nachtsekunde, in einem
Tagtraum, oder wann. Ich bin zunächst dagesessen mit geschlossenen Augen. Jetzt schlage ich sie
auf.
Und was sehe ich nun? Meine
Vorfahren treten auf, von allen Seiten, insbesondere aus
dem Heidensteppenhintergrund (nur nicht vorn, wo ich
meinen Sitz- oder Schauplatz eingenommen habe, wieder
einmal, vielleicht zum letzten Male in diesem Theater).
Eineln [sic!] kommen sie daher, ausgenommen das Großeltern=
paar, einzeln kommt die von klein auf mehr oder weniger
oder vielleicht auch gar nicht verwirrte Schwester meiner Mutter
und einzeln ebenso kommen mir deren drei Brüder daher=
gewandert, jeder auf einem eigenen Weg, oder Nichtweg.Der jüngste purzelt eher daher, [faßt sich sollen]
[???]
über=
mütig.
Einzeln steuert ein jeder auf den ihm scheint's vorgegebenen
Ort, oder Stehplatz zu, bis auf meine Großeltern wieder,
welche sich auf die Bank setzen. Gar nicht alt ist das
Paar, und ausnahmslos jung deren vier Kinder, selbst
der Erstgeborene, der Einäugige dort mit dem dichten
Schnurrbart, geboren doch ziemlich lang vor den andern.
Der jüngste der Söhne ist fast noch ein Kind, und
meine Mutter erscheint mir buchstäblich blutjung, und
beinah als heimliche Geliebte des mittleren Bruders, des

[Bl. ]